Landesweit Tempo 30 - Gehts noch? #greatnews #hupholland

Updated: Oct 30, 2020

In den Niederlanden wird in Zukunft 30 Km/h die neue Norm in geschlossenen Ortschaften sein.


Am Dienstag, den 27. Oktober 2020 hat das niederländische Repräsentantenhaus beschlossen, die aktuelle 50 Km/h - Norm auf den neuen Standard 30 Km/h zu reduzieren. Dies mit dem Ziel, Verletzte und Verkehrstote zu verringern - insbesondere in Gebieten mit Schulen oder erhöhtem Anteil junger Bewohner.


Soweit die offizielle Mitteilung bei der alleine das Herz eines jeden Freundes lebenswerter Städte und Ortschaften höher schlagen dürfte. Und wieder sind es die Niederlande, dieser Vorzeigeschüler in Sachen aktiver Mobilität, die den nächsten logischen Schritt tun und innerortschaftliche Geschwindigkeit auf ein vertretbares Tempo reduzieren.


Photo: Christof Weber ©Verkéiersverbond

Wussten Sie eigentlich, dass ein Fussgänger oder ein Fahrradfahrer der von einem mit 50 Km/h fahrenden Auto erfasst wird mit 20 prozentiger Sicherheit stirbt? Das ist jeder 5. der angefahren wird. Alleine letztes Wochenende wurden in Luxemburg 3 Fußgänger auf Fußgängerübergängen von Autos angestoßen. Bei Unfällen mit einer Geschwindigkeit von 30 Km/h reduziert sich die Fatalitätsrate auf 3%. Also fast 7 Mal weniger.


Tempo 30? Gehts noch?

Spüren Sie gerade wie Sie beim Lesen dieser Zeilen nach einem Standpunkt suchen? Die meisten Leser dürften selber Autofahrer sein. Höchstwahrscheinlich, auch wenn Sie es nach aussen so nicht formulieren würden, ist Ihnen Ihr Auto sowie die Leistung desselben auch sehr wichtig. Einige stehen voll hinter dieser Liebe großer, mit zu vielen Pferdestärken ausgestatteten Vehikel, andere kaufen sich einfach nur den neuesten, leistungsstarken SUV, weil sie Ihn halt schön finden. Aber es ist das gleiche Resultat. Unsere Straßen sind vollgestopft mit Kraftprotzen, in denen die Insassen sich wohl und sich die Fahrer mächtig fühlen - der schon in Säuglingen vorhandene Reflex der Begeisterung von Aktion und Reaktion ist Ihnen geblieben: Gas durchtreten und in den Sportsitz gepresst werden. Tolles Gefühl. Kenn ich, ist großartig. Aber, und auch das wissen die meisten die dies lesen, es ist weder nachhaltig, noch im Sinne des Gemeinwohls mit einem Panzer durch enge Gassen zu manövrieren und den öffentlichen Raum mit zwei Tonnen schweren Privatgegenständen vollzustellen.

Wie also einen Standpunkt einnehmen, wenn viele sich bereits beim Kauf ihres Autos belügen um so zu dieser infantilen Befriedigung zu finden? Der Rest des Lebens ist ja schon nicht so prickelnd, da soll wenigsten der Weg zur ungeliebten Arbeit und der Heimweg zur zur nervigen Hausarbeit ein Glücksgefühl hergeben. Da wir uns dieser Selbsttäuschung sehr wohl bewußt sind, entscheidet unser Hirn sich dann auch schnell für den Standpunkt, dass 30 Km/h in einer geschlossenen Ortschaft nun aber wirklich viel zu langsam ist. Ich bin alt genug, um mich zu erinnern wie schwer es allen fiel, als die Standardgeschwindigkeit von 60 Km/h auf 50 Km/h heruntergesetzt wurde. Das war ja, als würde man stehen bleiben! Aber dann Tempo 30! Es wird wohl alles gemacht, um uns vom Autofahren abzubringen. Das ist wohl der Plan!?


Streicheleinheiten

Ehrlich gesagt: schön wär's, wäre dies der Plan. Mal sehen. Die UN Stockholm-Erklärung vom Januar diesen Jahres rief alle Länder dazu auf "Tempo 30 in Zonen auszurufen, in denen sich ungeschützte Verkehrsteilnehmer und Fahrzeuge die Straße teilen". Die Niederlande drehen den Spieß jetzt erst mal um: Wenn eine Kommune eine ortsinterne Straße schneller als mit 30 Km/h befahren lassen will, so muss sie dies begründen, und nicht umgekehrt.


Wir alle sind Fußgänger - und das ist nicht schön.

Na, wie sieht es in der Zwischenzeit mit dem inneren Standpunkt aus? Haben Sie bereits berücksichtigt, dass Sie selber, noch bevor sie Autofahrer sind, Fußgänger sind? Oder hatten Sie Fußgänger bereits vergessen nachdem das Feindbild des Radfahrers alle roten Lichter hat blinken lassen? Das will ich Ihnen nun nicht unterstellen, doch liest man Kommentare und Foren, so beschleicht einen das Gefühl eines Klassenkampfes - oder ist es gar ein aufkeimender verkehrstechnischer Bürgerkrieg?

Wie dem auch sei, um zu Ihrem Auto zu kommen, sind Sie zu Fuß unterwegs. Nach dem Abstellen des Wagens geht es dann zu Fuß weiter. Über Gehwege und Fußgängerübergänge - immer schön ordentlich um den Verkehr nicht zu stören. Denken Sie bitte auch daran den Knopf an der Ampel zu drücken, sonst können Sie lange warten. Der Verkehr wird nämlich nur dann angehalten, wenn es einen triftigen Grund dafür gibt. Das Dasein als Fußgänger gibt einem selten ein Glücksgefühl. Laut ist es neben den Autos und Lastern, lange Wartezeiten an Ampeln, keine grüne Welle, und ständig ist der Gehweg zugestellt - sei es mit Mülltonnen oder parkenden Autos. Von den schrecklichen Fahrradfahrern gar nicht zu reden. Die fahren einen ständig über den Haufen. Mindestens ein Mal täglich. Da wünscht man sich doch wieder hinters Steuer seines eigenen, überbreiten Strassenkreuzers, um mitleidig auf die im Regen auf Grün wartenden Fußgänger zu blicken. Und dann fährt schon wieder so ein Fahrradfahrer durch Rot!


Mit dem Panzer zur Schule.

Viele Eltern die morgens ihre Kinder mit dem Geländewagen zur Schule karren tun dies, weil es für die Kleinen ja viel zu gefährlich sei zu Fuß zu gehen - mit all den vielen Autos die da vor der Schule so rumfahren und Kinder absetzen. Total respektlos! Letztens war da auch noch eine Mutti die ihre Zöglinge mit einem Cargobike zur Schule brachte. An den Autos ist die vorbei! Das muss man sich mal vorstellen! Total gefährlich. Die kommt bestimmt aus Holland. Da ist das ja so Usus.


Photo: Martti Tulenheimo CreativeCommons


Radland Holland? Das war nicht immer so.

Wussten Sie eigentlich, dass es in den Niederlanden auch nicht immer so war? Als in den 50er und 60er Jahren des letzten Jahrhunderts die Autoverkäufe anzogen wurden die Straßen, so wie überall in Europa, immer voller und Fahrradfahrer wurden an die Seite oder auf Gehwege gedrückt. Der enorme Anstieg an Autos führte zu vielen Toten im Straßenverkehr. 1971 starben in dem kleinen Land mehr als 3.000 Menschen - 450 davon waren Kinder. Eines davon war das Kind des Journalisten Vic Langenhoff der einen Artikel mit dem Titel "Stop de Kindermoord" (Stoppt den Kindermord) veröffentlichte. Dieser Titel wurde zum Slogan einer breiten Bürgerbewegung, die sich fortan für mehr Sicherheit auf den Strassen einsetzte.



Als dann noch die große Ölkrise von 1973 hinzu kam, sah sich die niederländische Regierung genötigt in Fahrrad-Infrastruktur zu investieren. Stadtplaner nahmen dies auf, und entfernten sich immer mehr von der in Westeuropa grassierenden autozentrierten Städteplanung. Diese über 30 Jahre Vorsprung sieht man den Niederlanden heute noch an: getrennte Fahrradwege, Vorfahrt für Fahrräder in Kreisverkehren, Fahrradstrassen in denen Autos "Gäste" sind und vorsichtig und respektvoll durchzufahren haben. Klingt toll und lebenswert, oder? Ihr individueller Standpunkt zu Tempo 30 in Ortschaften hat sich aber noch nicht geändert?


Sie sind eigentlich Marge Simpson.

Manchmal werde ich bei diesen Themen an eine Simpsons-Episode erinnert in der Marge Simpson partout keine Waffe im Haus haben wollte. Bis sie den Colt mal in der Hand hielt, die Macht spürte und nach dem ersten Schuss zur absoluten Waffennärrin mutierte. Das Machtgefühl hatte sich über das gesamte, sonst friedfertige und rationale Wesen der oft von dem sie umgebenden Wahnsinn arg gebeutelten Ehefrau und Mutter gelegt. Sie hatte es noch nicht einmal bemerkt oder hat Bedenken aus Abhängigkeit zu diesem Gefühl schnell abgetan. Bis eines ihrer Kinder durch die Waffe in Gefahr geriet - da war Schluss. Ähnlich wie in den Niederlanden in den 70ern.


Oft lächeln wir Europäer überheblich über die amerikanischen Waffenwahn und vergessen dabei, dass die selbe mentale Mechanik bei uns am Werke ist - halt nur bezogen auf Autos. Es sind dieselben Gefühle die wir verspüren, wenn wir um unsere automobilen Freiheiten fürchten. Es ist dieselbe irrationale Intensität mit der das Recht auf Rasen zum Beispiel bei unseren deutschen Nachbarn verteidigt wird. Aber auch hierzulande zeigt die Ablehnung gegen Streckenradars wie ungern wir uns bei einer gefährlichen, ja potentiell und bewiesenermaßen tödlichen Beschäftigung bevormundet sehen. Autofahren erscheint uns als Recht, überholen darf man alles langsamere, Geschwindigkeitsbegrenzungen sähen wir lieber als Richtlinien denn als Gesetz (man erinnere sich an den Aufschrei bei Knöllchen die einem bei festgehaltenen 71 Km/h ausgestellt werden, wenn man vergessen hat, dass da ein fixes Radargerät steht) und Fahrradfahrer gehören definitiv auf Fahrradwege und nicht auf die Straße. Halten die sich für Lance Armstrong?


Gegenfrage: Halten Sie sich für Lewis Hamilton?

Vor etwa 8 Jahren bin ich nach vielen, vielen Jahren mal wieder auf ein Fahrrad gestiegen. Davor hatte ich mit 18 den Führerschein gemacht und dann nie wieder in die Pedale getreten. Als Autofahrer hasste ich Fahrradfahrer. Hinter jeder Kurve konnte wieder einer sein, das zerstörte einem die Ideallinie. Ich kann also mitfühlen, was es bedeutet, Fahrradfahrer als Ärgernis zu sehen. Dann fing ich jedoch an, täglich zur Arbeit zu radeln, rund 25 Km hin, 25 Km zurück. Und siehe da, mein Horizont erweiterte sich, und ich fing an die Welt, den Verkehr, mit anderen Augen zu sehen. Ein Fahrrad scheint mir die singuläre sinnvolle menschliche Erfindung zu sein: Schnell, wendig, glücksbringend, gesund, nachhaltig, sozial und enorm energiesparend. Wie Bill Nye es formulierte: Es gibt keine effektivere Maschine als einen Menschen auf einem Fahrrad: Eine Schüssel Haferflocken ergeben 30 zurückgelegte Meilen. Nichts kommt sonst da annähernd ran.


Eine Tankfüllung.

Ich war schneller in der Stadt als mit dem Auto oder dem ÖPNV, hatte Freude dabei, und wurde gesünder, von Tag zu Tag. Es wäre ein Traum gewesen. Wäre da ein ausreichend ausgebautes Fahrradwegenetz mit geschützten Wegen, wären da nicht Autos und ihre Fahrer, und müsste man nicht ständig in den laufenden, motorisierten Verkehr wechseln. Studien haben übrigens erwiesen, dass Fahrradfahrer und Autofahrer identisch viele Infraktionen begehen - es handelt sich in den meisten Fällen ja auch um die selben Menschen. Autofahrern fallen halt eben nur Fahrradfahrer besonders auf und umgekehrt. Jeder der sich über Fahrradfahrer aufregt, meint damit eigentlich die fehlende Infrastruktur. Darüber sollte man sich aufregen, das ist das grundlegende Problem. Stattdessen wird jede neue Fahrradinfrastruktur verrissen und den Sinn in Frage gestellt.


Warten auf Fahrradwege- und Fußgängerinfrastruktur.

Wenn nun aber eine ausgebaute Infrastruktur Jahrzehnte braucht um gut verzahnt Fahrradfahrern und Fußgängern Sicherheit und Komfort zu bieten, so ist der Schritt, den die niederländische Regierung nun auf Vorschlag der Partei Groen-Links umgesetzt hat, auf jeden Fall der Richtige. Wenn ich durch unsere schöne Hauptstadt radle, so tue ich dies sehr oft mit einem mulmigen Gefühl im Bauch - ein Gefühl dessen ich mir erst bewusst werde, wenn ich endlich in eine Tempo 30 Zone abbiege und erleichtert ausatme. Tempo 50 ist ja auch selten Tempo 50. Da beschleunigt man schon mal auf 70 um noch bei Grün über die Kreuzung zu kommen, oder man "fährt halt mit dem Fluss" mit, so mit 60, 65. Das kommt schon mal vor. Ein Fußgänger oder ein Fahrradfahrer bleiben aber verletzliche Teilnehmer, und jedes Km/h mehr erhöht für diese die Chancen nicht zu ihrer Frau und/oder ihren Kindern zurückzukehren. Ein SUV steckt so was weg. Aber was ist mit Ihnen? Stecken Sie das auch weg? Oder sehen Sie es wie die Niederländer in den 70ern? Wie steht es um Ihren inneren Standpunkt?


Tempo 30 ist die Nivellierung der Verhältnisse im Verkehr.

Tempo 30 ermöglicht ein Zusammenleben, ein gemeinsames Nutzen der Strasse, eine Nivellierung der Verhältnisse im Verkehr. Ein Auto wirkt plötzlich klobig und störend, wird überholt und muss respektvoll zwischen den anderen Verkehrsteilnehmern gelenkt werden. Es wird zum Teil des Ganzen. Ein unpraktisches Teil, aber ein Teil. Und sollte dies Sie vom Autofahren abbringen, umso besser: Willkommen im Gemeinwohl, willkommen zu Hause.


David Everard

www.everard.lu



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